
Auf dem Gemälde „Einzug der Freischaren unter Weißhaar“ hat Friedrich Kaiser 1848 den Bürgermeister und Kaufmann Carl Georg Wenner im Vordergrund links porträtiert. Gegenüber dem Gasthaus zum Wildenmann unterhält er sich auf dem Bürgersteig mit dem Kaufmann und Gemeinderat Johann Friedrich Calame, der ihn um Kopfeslänge überragt. Der „Lange Calame“, seit 1830 mit Wenners Schwester verheiratet, ist unterschiedlich gekleidet noch zwei Mal auf dem Bild zu entdecken: seitlich mit schwarzem Bürgerwehr-Tschako neben dem Revolutionsführer Struve, dem er den Weg nach Steinen erklärt (im Bildausschnitt rechts) und von vorn, mit gescheitelten, dunklen Haaren neben dem Eingang zum „Wildenmann“. Wenner indes, erkennbar an seinem typischen Kinnbart, ist nur einmal abgebildet. Er ist zwar elegant gekleidet, trägt jedoch – im Unterschied zu den anderen Honoratioren – weder Zylinder noch eine andere Kopfbedeckung. Mit schwarz-weißer Kopfhaube geht seine Frau auf ihn zu, neben sich ihre kleine Tochter.
Wenner wurde 1806 als Sohn einer Wirtshausfamilie in Lörrach geboren. Schon seinen Großeltern gehörte das Gasthaus zum Wildenmann, das sie selbst bewirtschafteten. Wie sein Vater, der noch Johann Peter Hebel als Lehrer hatte, besuchte Wenner das Pädagogium in der Basler Straße. Danach erwarb er in einem Internat in der französischen Schweiz kaufmännische Kenntnisse und ging in Italien und der Schweiz auf… Für den vollständigen Text hier klicken

Für Deutschland wünschte sich Wenner einen demokratischen Bundesstaat nach Schweizer Vorbild. Dieser sollte nicht gewaltsam, sondern durch die gewählte Frankfurter Nationalversammlung durchgesetzt werden, weshalb er den ersten badischen Aufstand ablehnte: Als am 20. April 1848 die Weißhaar-Kolonne mit Struve in Lörrach einzog, weigerte sich die Stadt, ein Aufgebot zu stellen und Hecker zu Hilfe zu eilen.
Erst im zweiten Badischen Aufstand unter Struve schloss sich Wenner mit vielen anderen Lörracher Bürgern der Revolution an und beteiligte sich am Gefecht in Staufen. Als Wenner aus dem Schweizer Exil zurückkehrte, setzten ihn die großherzoglichen Behörden als Bürgermeister ab und leiteten ein Ermittlungsverfahren gegen ihn ein. Trotzdem ließ er es sich nicht nehmen, den demokratischen Volksverein in Lörrach mitzugründen. Im April 1849 wurde das Strafverfahren in Freiburg gegen ihn eingestellt und er…. Für den vollständigen Text hier klicken

Lörrach hatte das „Glück und Talent, von 1844 bis 1877 nacheinander fast ausnahmslos lauter ausgezeichnete Bürgermeister zu finden“, schrieb der Ex-Gemeinderat Eduard Kaiser in seinen 1877 beendeten Memoiren. Dazu zählt er die Bürgermeister Wenner (1806–1863), Calame (1802–1861), Johann Paul Feldkirchner (1815–1869) und Johann Josef Grether (1840–1910), die alle auf dem Revolutionsbild von 1848 zu sehen sind.
Bis auf Grether waren es keine Alteingesessenen: Wenners Großmutter väterlicherseits stammte aus Basel, sein Großvater, Küfermeister, ursprünglich aus dem Großherzogtum Hessen. Calames Vater war aus dem Schweizer Jura und Feldkirchner aus dem bayerischen Fürth nach Lörrach eingewandert, um sich 1841 als Sattler selbstständig zu machen. Als Gemeinderat war Feldkirchner wie Wenner an der Revolution beteiligt.
Mit Ausnahme von Grether sind diese freisinnigen Bürgermeister in Vergessenheit geraten. Kein Denkmal oder Straßenname erinnern an sie. Was insbesondere bei Wenner verwunderlich ist, der Lörrach besonnen und couragiert durch die Revolution 1848/49 geführt hatte. Als Grether 1906 als Bürgermeister zurücktrat, ging eine lange Friedenszeit zu Ende. Deutschlandweit triumphierten die militärbegeisterten Obrigkeitshörigen und Opportunisten, die Heinrich Mann in seinem Roman „Der Untertan“ vor Beginn des Ersten Weltkriegs überspitzt beschrieb.
(c) Carola Hoécker, 2025