Akteur*innen auf einem Revolutionsbild von 1848: Der Arzt Carl Friedrich Brodhag und die Freiheitskämpferin Amalie Struve

Gemäldeausschnitt mit Brodhag, April 1848, Foto: C.  Hoécker
Gemäldeausschnitt mit Brodhag, April 1848, Foto: C.  Hoécker

Carl Friedrich Brodhag (1795-1855), der als Arzt in Lörrach praktizierte, war ein faszinierendes Kuriosum und schien einer Kalendergeschichte Johann Peter Hebels entsprungen zu sein. Seine Kollegen Eduard Kaiser und Adolf Kussmaul, ein bedeutender Internist, berichteten ausführlich in ihren Memoiren über ihn. Eduards Bruder Friedrich Kaiser hat 1848 auf dem Gemälde „Einzug der Freischaren“ Brodhag im rechten Bildvordergrund rückseitig in Dreiviertelansicht mit Familie porträtiert.
Kennzeichnend für Brodhag waren laut Eduard Kaiser seine großen Fledermausohren, deren Farbe auf einen schlechten Gesundheitszustand schließen ließe, und seine Tabakspfeife, die immer in seinem Mund steckte.
Er trägt einen Zylinder und schwarzen Frack, aus dessen Innentasche ein Schnupftuch hängt. Ländlich wirkende Kniebundhosen und Schnallenschuhe bedecken seine mageren Beine. Um ihn herum stehen in Markgräfler Tracht seine ältere, unverheiratete Schwester, die auf die durchziehenden Freischärler zeigt, sowie seine kleinere Ehefrau und ein junger Mann mit Studentenmütze… Für den vollständigen Text hier klicken …Arzt äußerst kompetent und bei seinen Patienten beliebt. 1834 wechselte er von Kandern nach Lörrach, wo sein Vater bereits seit vielen Jahren als Amtsarzt arbeitete. Damit verschärfte sich die Konkurrenz für Eduard und seinen Vater Johann Kaiser, die ebenfalls als Ärzte in Lörrach praktizierten, wo kaum mehr als 2000 Einwohner lebten. Eduard Kaiser beschrieb Brodhag als Choleriker, Ebenbild von Don Quixote und ewigen Studenten, dessen Welt nur aus „hundsgemeinen Philistern oder flotten Burschen“ bestehe. Zu Letzteren zählte Brodhag offenbar auch den Studenten und späteren Revolutionär Friedrich Neff, dem er 1846 schrieb, um mit ihm gemeinsame politische Ansichten zu besprechen.

Brief Brodhags an den Studenten Friedrich Neff in Basel, 27. November 1846,, DLM Lörrach, Foto: C. Hoécker
Brief Brodhags an den Studenten Friedrich Neff in Basel, 27. November 1846,, DLM Lörrach, Foto: C. Hoécker

Begeistert beteiligte sich Brodhag im September 1848 am zweiten Badischen Aufstand und quartierte den Revolutionsführer Gustav Struve mit seiner Ehefrau Amalie bei sich in Lörrach ein. Mit einer Sense in der Hand soll Brodhag bei einer Volksversammlung geschrien haben: „Gott straf‘ mich, wollt Ihr die Freiheit erringen, so greift zur Sense!“  Als Rittmeister der Freischärler-Kavallerie nahm er am Gefecht bei Staufen teil, floh jedoch angesichts der überlegenen Regierungstruppen ins Exil nach Basel. Enttäuscht schwor er in der Folgezeit allem Politischen ab. Seine überwiegend wirren Aufzeichnungen vermachte er Eduard Kaiser, der ihn als Arzt betreute. Schwer an Tuberkulose erkrankt starb Carl Friedrich Brodhag 1855 mit 60 Jahren in Lörrach.

Gemäldeausschnitt mit Amalie Struve hinter ihrem Ehemann Gustav Struve, April 1848, Foto: C.  Hoécker

Behind a great man there is a great woman – Neuentdeckung auf dem Revolutionsbild
Auch die 23-jährige Publizistin und Revolutionärin Amalie Struve (geborene Siegrist) aus Mannheim porträtierte der Maler Friedrich Kaiser auf dem Wimmelbild, obwohl sie am 20. April 1848 ihren Ehegatten Gustav Struve gar nicht begleitet hatte, sondern erst beim zweiten Badischen Aufstand im September. Sie trägt Männerkleidung und steht etwas versteckt direkt hinter dem Revolutionsführer.

(c) Carola Hoécker, 2025